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21. August 2026 | 8 min

EU Retail Investment Strategy: Warum „Value for Money“ zum neuen GRC-Massstab im Finanzvertrieb wird

Die EU Retail Investment Strategy soll den europäischen Markt für Retail-Investments stärken und gleichzeitig den Schutz von Anlegerinnen und Anlegern verbessern. Im Zentrum steht ein Thema, das für Banken, Versicherer, Asset Manager, Vermögensverwalter und Vertriebe besonders relevant wird: „Value for Money“.

Ausgangspunkt ist ein aktueller Beitrag von GWP zur EU Retail Investment Strategy und ihren Auswirkungen auf Finanzinstitute mit EU-Bezug. Die Botschaft ist klar: Für viele Institute geht es künftig nicht mehr nur darum, Kosten, Risiken und Produktmerkmale korrekt offenzulegen. Sie müssen stärker nachweisen können, dass ein Produkt für den jeweiligen Zielmarkt tatsächlich einen angemessenen Gegenwert bietet.

Damit verschiebt sich der regulatorische Fokus. Aus Produktdokumentation wird Produkt-Governance. Aus Kostentransparenz wird Nachweispflicht. Und aus Vertriebskontrolle wird ein GRC-Thema, das Anforderungen, Zielmärkte, Kosten, Kundennutzen, Vergütung, Marketing und Evidenz miteinander verbinden muss.

Die EU Retail Investment Strategy reformiert zentrale Regeln für den Finanzvertrieb, unter anderem MiFID II, IDD, PRIIPs, UCITS und AIFMD. Ziel ist es, Retail-Anleger besser zu schützen, den Zugang zu Kapitalmärkten zu vereinfachen und Vertrauen in Finanzprodukte zu stärken.

Der wichtigste GRC-Hebel ist „Value for Money“. Finanzprodukte sollen nicht nur transparent sein, sondern einen nachvollziehbaren Gegenwert für die Kosten und Gebühren bieten. Hersteller und Vertriebe müssen ihre Produkt-Governance entsprechend erweitern.

Für Finanzinstitute bedeutet das neue Anforderungen an Produktfreigaben, Zielmarktdefinitionen, Kosten- und Gebührenanalysen, Suitability-Prozesse, Inducements, Marketingkontrollen und Nachweisdokumentation.

Auch Schweizer Institute können indirekt betroffen sein, etwa über EU-Tochtergesellschaften, EU-Zweigniederlassungen, Cross-Border-Vertrieb oder Vertriebspartner in der EU.

Warum „Value for Money“ ein Perspektivwechsel ist

Viele regulatorische Vorgaben im Finanzvertrieb basieren seit Jahren auf Transparenz. Kunden sollen verstehen, welche Risiken ein Produkt hat, welche Kosten entstehen und welche Eigenschaften das Produkt besitzt. Das bleibt wichtig, reicht aber nicht mehr aus.

„Value for Money“ geht einen Schritt weiter. Die Frage lautet nicht mehr nur: Wurde alles offengelegt? Sondern: Ist das Produkt für den Zielmarkt angemessen, wenn Kosten, Leistung, Renditepotenzial, Risiko und Vertriebsmodell zusammen betrachtet werden?

Das ist ein deutlicher Wechsel von formaler Compliance hin zu outcome-orientierter Governance. Ein Produkt kann formal korrekt dokumentiert sein und trotzdem regulatorisch problematisch werden, wenn Kosten und Gebühren nicht im Verhältnis zum erwartbaren Kundennutzen stehen.

Für GRC-Leader ist genau das entscheidend. Value for Money verlangt keine einzelne neue Checkliste, sondern eine Verbindung bestehender Prozesse. Produktentwicklung, Produktfreigabe, Zielmarkt, Kostenanalyse, Vertrieb, Beratung, Marketing und Monitoring müssen zusammenpassen.

Produkt-Governance wird beweispflichtiger

Finanzprodukte entstehen oft in komplexen Strukturen. Asset Manager, Emittenten, Banken, Plattformen, Versicherer und Vertriebe übernehmen unterschiedliche Rollen. Die Retail Investment Strategy erhöht den Druck, diese Rollen klarer zu dokumentieren.

Produkthersteller müssen künftig noch besser erklären können, warum ein Produkt für den definierten Zielmarkt geeignet ist. Dazu gehört eine nachvollziehbare Bewertung von Kosten und Gebühren. Vertriebsstellen müssen wiederum sicherstellen, dass sie Produkte nur Kunden empfehlen oder anbieten, für die sie angemessen sind.

Das macht Produkt-Governance operativer. Institute müssen nicht nur einen Produktfreigabeprozess haben. Sie müssen zeigen können, welche Kriterien geprüft wurden, welche Daten verwendet wurden, welche Abwägungen getroffen wurden und wer die Entscheidung freigegeben hat.

Für interne Revision und Compliance ist das ein wichtiger Punkt. Die Frage im Audit wird nicht nur lauten, ob ein Prozess existiert. Sie wird lauten, ob der Prozess die richtigen Entscheidungen erzeugt und ob diese Entscheidungen nachvollziehbar dokumentiert sind.

Kosten, Gebühren und Kundennutzen rücken zusammen

Value for Money macht Kosten und Gebühren zu einem zentralen Governance-Datenpunkt. Institute müssen Kosten nicht nur offenlegen, sondern in den Kontext des Produktnutzens stellen. Dazu können Peer-Group-Vergleiche, Benchmarks, Kostenstrukturen, Renditeerwartungen, Risiko-Rendite-Profile und Zielmarktannahmen relevant werden.

Das ist anspruchsvoll, weil viele Datenquellen beteiligt sind. Produktdaten, Kosteninformationen, Performance-Daten, Risikokennzahlen, Zielmarktdaten, Vergütungsmodelle und Vertriebsinformationen liegen häufig in unterschiedlichen Systemen. Wenn diese Daten nicht konsistent sind, entstehen Nachweisprobleme.

Ein Produkt kann beispielsweise in der Produktfreigabe als angemessen gelten, im Vertrieb aber mit Kosteninformationen dargestellt werden, die nicht mehr aktuell sind. Oder ein Produkt wird für einen Zielmarkt freigegeben, aber über digitale Kanäle breiter vermarktet. Genau solche Brüche werden für GRC-Teams relevanter.

Inducements bleiben ein Kontrollthema

Ein besonders sensibles Thema der Retail Investment Strategy sind Inducements, also Vergütungen oder Anreize, die im Zusammenhang mit Vertrieb und Beratung entstehen können. Die politische Diskussion um ein vollständiges Verbot war intensiv. Der aktuelle Kurs geht eher in Richtung stärkerer Kontrollen, mehr Transparenz und Nachweis, dass Kundeninteressen gewahrt bleiben.

Für Institute bedeutet das: Vergütungsmodelle müssen enger mit Produkt-Governance und Vertriebskontrollen verbunden werden. Es muss nachvollziehbar sein, welche Anreize bestehen, wie Interessenkonflikte identifiziert werden und welche Kontrollen verhindern, dass Vergütung die Produktauswahl oder Beratung unangemessen beeinflusst.

Damit werden Inducements nicht nur ein Legal- oder Disclosure-Thema. Sie werden Teil des internen Kontrollsystems. Institute müssen zeigen können, dass Vergütungsmodelle, Produktfreigaben, Kundeninteressen und Beratungspflichten zusammen betrachtet werden.

Suitability und Vertrieb: Vom Kundenprofil zur Evidenzkette

Auch Suitability-Prozesse werden durch die Retail Investment Strategy weiter in den Fokus rücken. Bei Anlageberatung und Vertrieb muss nachvollziehbar sein, ob ein Produkt zu Kenntnissen, Erfahrung, Risikotoleranz, Anlagezielen und Verlusttragfähigkeit des Kunden passt.

Der GRC-Punkt liegt in der Evidenzkette. Ein einzelner Beratungsbogen reicht nicht, wenn die dahinterliegenden Produktdaten, Zielmarktdefinitionen, Kosteninformationen und Vertriebsregeln nicht zusammenpassen. Institute müssen sicherstellen, dass die Empfehlung aus einem konsistenten Prozess entsteht.

Besonders relevant wird das bei digitalen Vertriebskanälen. Robo-Advice, Online-Plattformen, App-basierte Anlageangebote und automatisierte Produktempfehlungen erzeugen grosse Mengen an Daten und Entscheidungen. Diese müssen kontrolliert, versioniert und überprüfbar bleiben.

Marketing wird stärker Teil der Produkt-Governance

Marketing ist im Finanzvertrieb kein reines Kommunikationsthema. Produktdarstellungen, Performance-Angaben, ESG-Bezüge, Kostenhinweise, Risikohinweise und digitale Kampagnen beeinflussen, wie Kunden ein Produkt verstehen.

Value for Money verstärkt diesen Zusammenhang. Wenn ein Produkt mit bestimmten Vorteilen beworben wird, muss diese Darstellung zur Produkt-Governance, zum Zielmarkt und zur Kosten-Nutzen-Bewertung passen. Marketingaussagen dürfen nicht isoliert entstehen.

Für GRC-Teams entsteht daraus ein klarer Bedarf an Freigabe- und Kontrollprozessen. Produktinformationen, Kampagnen, Websites, Factsheets und digitale Vertriebsmaterialien sollten nachvollziehbar geprüft und versioniert werden. Gerade bei grenzüberschreitendem Vertrieb ist das wichtig, weil Anforderungen und Aufsichtserwartungen je Markt unterschiedlich wirken können.

Warum Schweizer Institute das Thema beachten sollten

Die Retail Investment Strategy ist EU-Regulierung. Schweizer Finanzinstitute sind daher nicht automatisch direkt betroffen. Trotzdem ist das Thema für viele Schweizer Anbieter relevant.

Das gilt insbesondere, wenn ein Institut EU-Tochtergesellschaften oder EU-Zweigniederlassungen betreibt, Finanzprodukte über EU-Vertriebspartner anbietet oder Cross-Border-Dienstleistungen erbringt. Auch wenn ein Schweizer Institut selbst nicht unmittelbar adressiert wird, können EU-Partner zusätzliche Nachweise verlangen.

In der Praxis kann das bedeuten, dass Schweizer Asset Manager, Vermögensverwalter oder Produktanbieter stärker dokumentieren müssen, wie Kosten, Zielmarkt, Produktnutzen, Risiken und Vertriebsinformationen zusammenpassen. EU-Vertriebspartner werden solche Informationen benötigen, um ihre eigenen Pflichten zu erfüllen.

Damit entsteht ein indirekter GRC-Effekt entlang der Vertriebskette.

Was Finanzinstitute jetzt tun sollten

Institute sollten zunächst ihre Produkt-Governance auf Value-for-Money-Fähigkeit prüfen. Dabei geht es nicht nur um Produktfreigaben, sondern um die Frage, ob Kosten, Zielmarkt, Kundennutzen, Risiko, Vergütung und Vertrieb konsistent bewertet und dokumentiert werden.

Danach sollte geprüft werden, welche Datenquellen für Kosten, Performance, Risiko, Zielmarkt und Vertrieb genutzt werden. Wenn diese Daten nicht aktuell, konsistent oder zentral verfügbar sind, entsteht ein Umsetzungsrisiko.

Wichtig ist auch eine Bestandsaufnahme der Vertriebskanäle. Persönliche Beratung, digitale Plattformen, Versicherungsvertrieb, Cross-Border-Vertrieb und Partnervertrieb haben unterschiedliche Kontrollpunkte. Value for Money muss in allen relevanten Kanälen nachweisbar funktionieren.

Schliesslich sollten Institute frühzeitig einen Audit-Trail definieren. Wer später erst versucht, Entscheidungen rückwirkend zu rekonstruieren, wird unnötig Aufwand und Risiko erzeugen.

Fazit: Value for Money macht Finanzvertrieb prüfbarer

Die EU Retail Investment Strategy zeigt, wohin sich Finanzmarktregulierung bewegt. Transparenz bleibt wichtig, aber sie reicht nicht aus. Produkte sollen für Retail-Kunden nicht nur verständlich sein, sondern auch einen nachvollziehbaren Gegenwert bieten.

Für GRC-Leader ist das eine klare Entwicklung: Produkt-Governance wird stärker outcome-orientiert und beweispflichtig. Institute müssen Kosten, Zielmärkte, Kundennutzen, Vergütung, Vertrieb und Kontrollen enger miteinander verbinden.

Wer frühzeitig strukturierte Prozesse, klare Verantwortlichkeiten und auditfähige Nachweise aufbaut, reduziert regulatorische Risiken und stärkt Vertrauen bei Kunden, Aufsicht und Vertriebspartnern.

Zazoon unterstützt Finanzinstitute dabei, Value for Money als integrierten GRC-Prozess zu steuern: von Anforderungen und Produkt-Governance über Risiken und Kontrollen bis zu Evidenzen, Findings und Management Reporting.

FAQ

Was ist die EU Retail Investment Strategy?

Die EU Retail Investment Strategy ist ein Reformpaket zur Stärkung des Retail-Investment-Marktes in Europa. Sie soll Anleger besser schützen, Produktinformationen verbessern und den Zugang zu Kapitalmärkten erleichtern.

Was bedeutet „Value for Money“?

Value for Money bedeutet, dass Finanzprodukte für den jeweiligen Zielmarkt einen angemessenen Gegenwert bieten sollen. Kosten, Gebühren, Risiken, Leistung und Kundennutzen müssen nachvollziehbar zusammenpassen.

Welche Finanzinstitute sind betroffen?

Betroffen sind insbesondere Banken, Wertpapierfirmen, Asset Manager, Versicherer, Versicherungsvertriebe und andere Finanzdienstleister mit EU-Bezug.

Warum ist Value for Money ein GRC-Thema?

Weil Value for Money Produkt-Governance, Kostenanalyse, Zielmarktdefinition, Suitability, Inducements, Marketingkontrollen und Nachweise verbindet. Es geht nicht nur um Offenlegung, sondern um prüfbare Entscheidungsprozesse.

Sind Schweizer Institute betroffen?

Nicht automatisch direkt. Schweizer Institute können aber indirekt betroffen sein, wenn sie EU-Tochtergesellschaften, EU-Zweigniederlassungen, EU-Vertriebspartner oder Cross-Border-Geschäft mit EU-Bezug haben.

Was sollten Institute jetzt tun?

Sie sollten ihre Produkt-Governance, Kosten- und Gebührenprozesse, Zielmarktdefinitionen, Vertriebskontrollen, Inducement-Kontrollen und Audit Trails auf Value-for-Money-Fähigkeit prüfen.

Wie unterstützt Zazoon?

Zazoon hilft, Anforderungen, Produkte, Zielmärkte, Risiken, Kontrollen, Freigaben, Massnahmen und Nachweise in einem zentralen GRC-System zu verbinden. Dadurch wird Value for Money nachvollziehbar, steuerbar und auditfähig.

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