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21. August 2026 | 8 min

CO2-Zertifikate unter Druck: Warum Klimaschutzprojekte jetzt ein GRC-Thema sind

Das Handelsblatt berichtet aktuell, dass das Umweltbundesamt CO2-Zertifikate aus 30 chinesischen Projekten für ungültig erklärt hat. Die Projekte sollen entweder ihre Klimawirkung übertrieben haben oder gar nicht existiert haben. Eines der betroffenen Projekte wurde laut Handelsblatt durch eine belgische Tochter von ExxonMobil finanziert und versprach Einsparungen von knapp 96.000 Tonnen CO2. Insgesamt sollen die gestrichenen Projekte CO2-Einsparungen von 2,1 Millionen Tonnen geltend gemacht haben.

Der Fall zeigt ein Problem, das weit über die Mineralölbranche hinausgeht: Klimaschutzversprechen sind nur so belastbar wie die Governance dahinter. Wer CO2-Zertifikate nutzt, Klimaneutralität kommuniziert oder ESG-Ziele mit externen Projekten untermauert, trägt ein erhebliches Risiko. Denn wenn Zertifikate später als ungültig, überbewertet oder nicht ausreichend nachweisbar gelten, entsteht nicht nur ein Nachhaltigkeitsproblem. Es entsteht ein Compliance-, Reputations- und Kontrollproblem.

Für GRC-Verantwortliche ist der Fall deshalb ein klares Signal: ESG-Claims brauchen mehr als gute Absichten und externe Zertifikate. Sie brauchen prüfbare Prozesse, klare Verantwortlichkeiten, belastbare Daten und auditfähige Nachweise.

CO2-Zertifikate und Klimaschutzprojekte geraten stärker unter Druck. Der aktuelle Handelsblatt-Bericht zeigt, dass selbst grosse Unternehmen und formal geprüfte Projekte nicht automatisch vor späteren Aberkennungen oder Zweifeln geschützt sind.

Für Unternehmen bedeutet das: Wer Klimaschutzprojekte nutzt, muss die dahinterliegenden Nachweise verstehen, prüfen und dokumentieren. Es reicht nicht, Zertifikate einzukaufen und deren Wirkung ungeprüft in ESG-Kommunikation, Nachhaltigkeitsberichte oder regulatorische Erfüllung einzubauen.

Besonders relevant wird das Thema für Unternehmen mit Net-Zero-Zielen, Klimaneutralitätsversprechen, CSRD-/ESRS-Reporting, Lieferantenbewertungen oder CO2-Kompensationsstrategien. Externe ESG-Nachweise müssen wie andere Drittparteirisiken behandelt werden: mit Due Diligence, Kontrollen, Monitoring und klarer Evidenz.

Warum CO2-Zertifikate zum GRC-Risiko werden

CO2-Zertifikate sollen Unternehmen helfen, Emissionen zu kompensieren oder regulatorische Anforderungen zu erfüllen. In der Praxis ist die Kette jedoch komplex. Hinter einem Zertifikat stehen Projektentwickler, lokale Betreiber, Validierer, Verifizierer, Register, Broker, Käufer und oft mehrere Zwischenstufen.

Genau diese Komplexität schafft Risiko. Unternehmen verlassen sich häufig darauf, dass ein Zertifikat bereits ausreichend geprüft wurde. Doch wenn später Zweifel an Projektwirkung, Zusätzlichkeit, Existenz, Berechnung oder Dokumentation entstehen, bleibt das Risiko beim Unternehmen hängen, das sich auf diese Zertifikate berufen hat.

Das betrifft nicht nur rechtliche Fragen. Es geht auch um Vertrauen. Kunden, Investoren, Aufsicht, Medien und Geschäftspartner erwarten zunehmend, dass Klimaschutzangaben belastbar sind. Wer mit CO2-Reduktionen wirbt oder Zertifikate in Nachhaltigkeitsberichte einbindet, muss erklären können, warum diese Angaben verlässlich sind.

Damit wird aus Carbon Accounting ein GRC-Thema. Nicht die Tonne CO2 allein ist entscheidend, sondern der Nachweis, wie sie berechnet, geprüft, akzeptiert und überwacht wurde.

Der Fall UER: Wenn externe Nachweise nicht mehr reichen

Im deutschen Kontext spielen sogenannte Upstream Emission Reductions, kurz UER, eine besondere Rolle. UER-Projekte sind Massnahmen zur Reduktion von CO2-Emissionen im vorgelagerten Bereich der Öl- und Gasförderung, also bevor Rohöl in der Raffinerie verarbeitet wird. Für die Mineralölwirtschaft waren solche Projekte eine Möglichkeit, Anforderungen aus der Treibhausgasminderungsquote zu erfüllen. Das Umweltbundesamt hatte bereits früher Zertifikate bei mehreren UER-Projekten nicht freigeschaltet, weil Unregelmässigkeiten festgestellt wurden.

Der aktuelle Handelsblatt-Bericht macht das Thema erneut greifbar. Wenn Projekte nachträglich als verdächtig oder ungültig eingestuft werden, entstehen Lücken. Unternehmen, die solche Zertifikate genutzt haben, müssen diese Lücken gegebenenfalls anderweitig schliessen. Noch schwerer wiegt aber der Governance-Aspekt: Wie konnte ein Unternehmen sicherstellen, dass ein Projekt belastbar war? Welche Prüfungen wurden durchgeführt? Welche Warnsignale gab es? Welche Rolle spielten externe Prüfer? Und wie wurde die Entscheidung intern dokumentiert?

Diese Fragen sind typisch für GRC. Sie zeigen, dass ESG-Compliance nicht nur aus Berichtspflichten besteht. Sie verlangt belastbare Entscheidungsprozesse.

ESG-Claims brauchen dieselbe Disziplin wie Finanzkontrollen

Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren ESG-Ziele formuliert, Klimastrategien veröffentlicht und Kompensationsmassnahmen genutzt. Häufig wurden CO2-Zertifikate als pragmatischer Weg gesehen, um schwer vermeidbare Emissionen auszugleichen.

Doch der Markt verändert sich. Klimabezogene Aussagen werden kritischer geprüft. Greenwashing-Risiken steigen. CSRD und ESRS erhöhen die Anforderungen an Datenqualität, Nachvollziehbarkeit und Kontrolle. Auch freiwillige Klimaneutralitätsversprechen stehen stärker unter Beobachtung.

Die Konsequenz ist klar: ESG-Claims brauchen dieselbe Prozessdisziplin wie Finanzkennzahlen oder regulatorische Risikodaten. Unternehmen müssen wissen, wo Daten herkommen, wer sie geprüft hat, welche Annahmen verwendet wurden, welche Kontrollen bestehen und welche Evidenz die Aussage stützt.

Ein CO2-Zertifikat ist daher nicht nur ein Beleg. Es ist ein Datensatz, ein Drittparteiennachweis und ein potenzielles Risikoobjekt.

Third-Party Risk im ESG-Kontext

Der Fall zeigt besonders deutlich, warum ESG und Vendor Risk enger zusammenwachsen. Klimaschutzprojekte werden selten vollständig intern gesteuert. Unternehmen verlassen sich auf Projektentwickler, Vermittler, Zertifizierer, Gutachter, Register und lokale Betreiber.

Jede dieser Parteien kann ein Risiko einbringen. Die Projektunterlagen können unvollständig sein. Die Klimawirkung kann falsch berechnet werden. Prüfberichte können methodische Schwächen haben. Lokale Kontrollen können unzureichend sein. Interessenkonflikte können unentdeckt bleiben. Oder das Projekt kann zwar formal existieren, aber nicht die versprochene Wirkung erzielen.

Für GRC-Teams bedeutet das: Externe ESG-Nachweise gehören in das Third-Party-Risk-Management. Es braucht klare Kriterien, wann ein Zertifikat akzeptiert wird, welche Mindestinformationen vorliegen müssen, welche Anbieter und Standards zugelassen sind und wann eine zusätzliche Prüfung erforderlich ist.

Gerade Unternehmen, die Klimaschutzprojekte in grossem Umfang nutzen, sollten ihre ESG-Drittparteien nicht nur beschaffen, sondern überwachen.

Was Unternehmen jetzt prüfen sollten

Der Handelsblatt-Fall ist ein guter Anlass, die eigene Carbon-Credit-Governance zu überprüfen. Unternehmen sollten zunächst verstehen, ob und wo CO2-Zertifikate, Kompensationen oder externe Klimaschutzprojekte in der eigenen ESG-Strategie verwendet werden.

Danach wird relevant, wie belastbar diese Nachweise sind. Gibt es projektbezogene Dokumentation? Sind Projektentwickler, Zertifizierer und Register bekannt? Wurde geprüft, ob die Klimawirkung plausibel ist? Gibt es Risiken durch Projektland, Methodik, Prüfgesellschaft oder Interessenkonflikte? Wurden Zertifikate nur eingekauft oder auch intern bewertet und freigegeben?

Entscheidend ist auch die Frage, wo die Zertifikate genutzt werden. Ein Nachweis, der nur intern beobachtet wird, hat eine andere Risikowirkung als ein Nachweis, der in öffentlichen Nachhaltigkeitsclaims, CSRD-Berichten, Kundenangeboten oder regulatorischen Erfüllungsmechanismen verwendet wird.

Je sichtbarer und relevanter ein Klimaschutzversprechen ist, desto höher muss die Governance-Reife dahinter sein.

Warum Excel und Zertifikatsordner nicht ausreichen

Viele Unternehmen verwalten ESG-Nachweise noch in Excel-Dateien, SharePoint-Ordnern, E-Mail-Freigaben oder isolierten Nachhaltigkeitstools. Für einfache Datenpunkte kann das funktionieren. Bei CO2-Zertifikaten und Klimaschutzprojekten reicht es jedoch häufig nicht aus.

Das Problem liegt in den Verknüpfungen. Ein Zertifikat gehört zu einem Projekt. Das Projekt hat eine Methodik, einen Betreiber, ein Land, eine Prüfstelle, eine Laufzeit und bestimmte Annahmen zur Emissionsminderung. Das Zertifikat wird möglicherweise einem ESG-Ziel, einem Bericht, einem Claim oder einer regulatorischen Pflicht zugeordnet. Gleichzeitig können spätere Findings, Medienberichte, Behördenentscheidungen oder Registeränderungen die Bewertung verändern.

Wenn diese Informationen getrennt liegen, fehlt der Audit Trail. Im Ernstfall ist unklar, wer die Nutzung freigegeben hat, auf welcher Grundlage die Entscheidung getroffen wurde und ob neue Risiken rechtzeitig berücksichtigt wurden.

Fazit: Klimaschutzversprechen brauchen prüfbare Governance

Der aktuelle Handelsblatt-Bericht zu ungültigen CO2-Zertifikaten zeigt, wie schnell Klimaschutzprojekte vom Nachhaltigkeitsthema zum GRC-Risiko werden können. Wenn Zertifikate nachträglich aberkannt oder Projekte als zweifelhaft eingestuft werden, betrifft das nicht nur die Klimabilanz. Es betrifft Compliance, Reputation, Lieferantensteuerung, Berichterstattung und Managementverantwortung.

Für GRC-Leader ist die Botschaft eindeutig: ESG-Claims müssen prüfbar sein. Externe Zertifikate ersetzen keine eigene Governance. Unternehmen brauchen klare Prozesse, risikobasierte Due Diligence, dokumentierte Freigaben, laufendes Monitoring und belastbare Nachweise.

Zazoon unterstützt Unternehmen dabei, Carbon-Credit-Governance strukturiert umzusetzen. So werden Klimaschutzprojekte nicht nur eingekauft, sondern kontrolliert, dokumentiert und auditfähig gesteuert.

FAQ

Was ist der aktuelle Anlass?

Das Handelsblatt berichtet, dass das Umweltbundesamt CO2-Zertifikate aus 30 chinesischen Projekten für ungültig erklärt hat. Eines der betroffenen Projekte wurde laut Bericht durch eine belgische Tochter von ExxonMobil finanziert.

Warum ist das ein GRC-Thema?

Weil CO2-Zertifikate nicht nur Nachhaltigkeitsinstrumente sind. Sie können Compliance-, Reputations-, finanzielle und regulatorische Risiken auslösen, wenn ihre Wirkung nicht belastbar nachweisbar ist.

Was sind UER-Projekte?

UER steht für Upstream Emission Reductions. Gemeint sind Projekte zur Reduktion von Emissionen im vorgelagerten Bereich der Öl- und Gasförderung. In Deutschland konnten solche Nachweise zur Erfüllung der Treibhausgasminderungsquote genutzt werden.

Welche Unternehmen sind betroffen?

Direkt betroffen sind vor allem Unternehmen, die CO2-Zertifikate oder externe Klimaschutzprojekte nutzen. Indirekt relevant ist das Thema für alle Unternehmen, die Klimaneutralität, Net Zero, ESG-Ziele oder CO2-Reduktionen kommunizieren.

Reicht ein externes Zertifikat als Nachweis?

Ein Zertifikat ist ein wichtiger Nachweis, aber kein Ersatz für interne Governance. Unternehmen sollten prüfen, welche Projektinformationen, Prüfberichte, Anbieterinformationen und Kontrollen hinter dem Zertifikat stehen.

Was sollten Unternehmen jetzt tun?

Sie sollten ihre Nutzung von CO2-Zertifikaten inventarisieren, Risiken bewerten, Drittparteien prüfen, Freigaben dokumentieren und laufendes Monitoring etablieren.

Wie unterstützt Zazoon?

Zazoon hilft, ESG-Anforderungen, Klimaschutzprojekte, Drittparteien, Risiken, Kontrollen, Massnahmen und Nachweise zentral zu steuern. Dadurch werden Carbon Credits und ESG-Claims nachvollziehbar, kontrollierbar und auditfähig.